Als ich mich zum Fenster hinausbeuge, sehe ich ihn wieder: den weissen Stuhl unten auf der Wiese.
Wobei «Stuhl» übertrieben ist: eher einer dieser leichten Metallhocker für fünf Franken, die selbst fragwürdige Flugbahnen überstehen. Die Schulleitung hat ihn gesehen. Einige Schülerinnen und Schüler sogar auf seinem Weg nach unten. Und trotzdem weiss natürlich niemand, wie er dort gelandet ist.
Es ist bereits das fünfte Mal in wenigen Wochen, dass der Stuhl aus dem obersten Stock der Oberstufe fliegt. Und es passiert immer in diesen kurzen Momenten pädagogischer Naivität: wenn die Lehrperson noch kurz mit einem Schüler auf dem Gang spricht und glaubt, das Schulzimmer zwei Minuten unbeaufsichtigt lassen zu können, ohne dass daraus eine Mischung aus Actionfilm und Tierdokumentation entsteht.
Man hört dann Poltern. Rennen. Dieses spezifische Schülerlachen, das jede Lehrperson sofort erkennt. Betritt man das Zimmer überraschend früh, sitzen die einen bereits am Platz, während andere einen Abfalleimer studieren oder so tun, als hätten sie schon immer dringend am Lavabo ihre Nase putzen müssen. Der Kreis der Verdächtigen ist überschaubar. Die Geschichten klingen überzeugend. Niemand habe etwas gesehen. Niemand etwas geworfen. Vielleicht wolle der Stuhl einfach draussen sein. Irgendwann verstand ich ihn sogar ein wenig. Fünf Lektionen an einem Dienstagnachmittag überlebt nicht jede Sitzgelegenheit unbeschadet. Während draussen bereits weitere Gegenstände neben dem Stuhl auftauchen, verlangt die Schulleitung: Der Stuhl muss weg. Sonst entwickelt sich die Wiese zur Outdoor-Filiale der Oberstufe.
Nur: Wer holt ihn?
Die Verdächtigen sicher nicht. Den Stuhl zu holen, wäre ein Geständnis mit Rückenlehne.
Diese Kolumne ist in der Glarner Wochenzeitung Fridolin erschienen.