Wenn’s in die Hose geht: Von WC-Fantasien und der Kunst, sich wieder zu motivieren

Es gibt Aufgaben, bei denen man motiviert loslegt. Und solche, bei denen die grösste Leistung darin besteht, überhaupt anzufangen.
Meine am vergangenen Wochenende: ein Stapel Mathematikprüfungen.
Schon während der Prüfung ahnte ich es. Stöhnen. Ratlose Blicke. «Sie, niemand versteht …» Ein kurzes Durchblättern bestätigte: 60:5 gleich 5:60? Sind 60 Sugus für fünf Kinder dasselbe wie fünf Sugus für 60?
Die Prüfung war verhauen.
Von wem eigentlich? Sommerloch? Zu wenig repetiert? Lernziele und Übungsmaterial waren bekannt.
Die Oberstufe hatte gerade begonnen. Drei Jahre Mathematik lagen vor uns. Ich wollte den Lernenden die Freude nicht austreiben. Mir auch nicht.
Der Stapel blieb liegen. Das Wochenende verstrich.
Bald sass mir die Korrekturfrist im Nacken. Strategie: zuerst die wenigen gelungenen Prüfungen. Häkchen! Punkte! Glückshormone! Dann der Rest.
Also. Fast.
Vor einiger Zeit liess ich ein paar Prüfungen im Schul-WC liegen. Heilfroh fand ich sie unversehrt auf der hohen Ablage.
Kurz den Bettel hinschmeissen? Schwierig. Ich erzähle ja gern, dass man aus Fehlern lernt.
Jetzt träumte ich davon, denselben Fehler zu machen. Mit besserem Ausgang: Ein Schüler findet den Stapel. Löst alles richtig – sogar ohne ChatGPT. Schreibt überall eine 6 hin und legt ihn auf mein Pult: «Ihre Prüfungen. Waren schon so.»
Ich hätte ihm geglaubt.

Diese Kolumne ist in der Glarner Wochenzeitung Fridolin erschienen.

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