Im Park steht ein kleiner Pavillon,
versteckt hinter einer alten Linde.
Abseits vom Weg.
Einsam.
Still.
Ich weiss nicht mehr, wann ich ihn entdeckte.
Nur, dass ich nie weiss, was mich dort erwartet.
Ein Zettel, beschwert mit einem Kieselstein.
Darauf ein Satz. Manchmal eine kleine Geschichte.
Eine Feder.
Dann wieder eine Schachtel Streichhölzer.
Eine unbeschriebene Postkarte von einem fernen Ort.
Ein Buch mit einem Lesezeichen.
Seite 79.
Ein gefaltetes Papierboot, gefüllt mit blauen Blüten.
Und manchmal ist da einfach nichts.
Doch die Bank ist trocken, obwohl es gerade geregnet hat.
Das nasse Laub zur Seite gewischt.
Ein Platz ist frei.
Heute steht eine Tasse auf dem Tisch.
Der Tee dampft noch.
Ich sehe mich um.
Nichts.
Ich setze mich und lege die Hände um das warme Porzellan.
Für einen Augenblick träume ich, der Tee sei für mich.
Wer bist du?
Vielleicht bist du eine Frau und heisst Dunya.
Vielleicht sitzt du manchmal genau hier, die Hände an derselben Tasse, und fragst dich, wer nach dir kommen wird.
Weisst du, dass es mich gibt?
Dass ich finde, was du zurücklässt?
Dein Papierboot habe ich in den Händen gehalten, bis die blauen Blüten welkten.
Vielleicht bist du auch gar nicht du.
Vielleicht seid ihr mehrere.
Und niemand kennt den andern.
Aber ich mag dich.
Also erfinde ich dich weiter.
Eines Tages bringe ich selbst etwas mit.
Eine Schlüsselblume.
Vielleicht kommst du.
Ich stelle mir vor, wie ich sie dir gebe.
Ob sie dir gefällt, würde ich fragen.
Und dann vielleicht:
Darf ich dich kennenlernen?
Ich warte.
Eine Stunde.
Zwei.
Das Licht zwischen den Bäumen wird blasser.
Es wird Nacht.
Doch du kommst nicht.
Am nächsten Tag komme ich wieder.
Die Schlüsselblume noch immer in der Hand.
Ich wische das nasse Laub von der Bank.
Ein Platz für dich.
Einer für mich.
Und warte wieder.
Habe ich dich verpasst?
Oder stehst du irgendwo hinter den Bäumen und wartest darauf, dass ich dich finde?
Irgendwann gehe ich.
Die Schlüsselblume bleibt.
Ich komme wieder.
Und wieder.
Kastanien liegen auf den Wegen.
Dann Schnee.
Manchmal bringe ich einen Satz.
Manchmal eine Geschichte.
Niemand nimmt sie mit.
An einem kalten Morgen bringe ich Tee.
Zwei Tassen.
Eine für dich.
Eine für mich.
Am nächsten Tag sind sie kalt.
Aber der Kieselstein liegt neben dem Zettel.
Bist du es, Dunya?
Irgendwann höre ich auf zu fragen, wer du bist.
Sitze hier.
Still.
Und denke an dich.
Vielleicht trinkst du deinen Tee zu heiss.
Vielleicht liest du die letzten Seiten eines Buches zuerst.
Vielleicht liebst du tatsächlich Schlüsselblumen.
Vielleicht heisst du Dunya.
Vielleicht auch nicht.
Dann stelle ich mir vor, wie du kommst.
Wie du dich an den Tisch setzt.
Ein Bein auf die Bank ziehst.
Dich umsiehst.
Meine Geschichte findest.
Du beginnst zu lesen.
Deine Stimme ist anders, als ich dachte.
Immer wieder hältst du inne.
Schaust zur Linde.
Vielleicht verstecke ich mich dahinter.
Eine Schlüsselblume in der Hand.
Und wenn du dich fragst, wer ich bin,
bleibe ich zuerst still.
Wie die Nacht.
Bis du mich erfindest.
Auf dem Tisch liegt eine Geschichte,
beschwert mit einem Kieselstein.
Mein Platz ist frei.
