Den Brief kenne ich, seit ich denken kann.
Wobei kennen zu viel gesagt ist.
Ich weiss, dass er existiert.
Mein Vater trägt ihn immer bei sich.
Er steckt in einem weissen Umschlag, der nicht mehr ganz weiss ist. Die Ränder sind vergilbt, eine Ecke eingerissen. Ein Streifen Klebeband hält ihn zusammen.
Ein Absender fehlt.
„Von wem ist er?“, frage ich, als ich klein bin.
Mein Vater zuckt mit den Schultern.
„Keine Ahnung.“
„Was steht drin?“
Wieder dieses Schulterzucken.
„Warum machst du ihn nicht auf?“
Er dreht den Umschlag in der Hand.
„Später vielleicht.“
Mit sechzehn bin ich zum ersten Mal verliebt.
Einmal liegt der Brief vor meinem Vater.
Sein Fingernagel ruht genau dort, wo das Klebeband den Umschlag zusammenhält.
Ein Liebesbrief, denke ich.
Der Brief bleibt verschlossen.
In einem Winter fehlt uns Geld.
Auf dem Küchentisch stapeln sich Rechnungen.
Mein Vater legt den Brief dazu.
„Vielleicht bin ich reich.“
„Du bist nicht reich.“
„Vielleicht weiss ich es nur noch nicht.“
„Und wer soll dir etwas vererbt haben?“
Er betrachtet den Umschlag.
„Jemand Reiches.“
Manchmal ist darin eine Entschuldigung.
Manchmal habe ich sie hineingesteckt.
Manchmal mein Vater.
Oder es ist eine Einladung.
Als mein Vater krank wird, die Adresse eines Arztes, der alles wieder gut macht.
Der Brief hält alles offen.
Nur geöffnet wird er nie.
Mein Vater nimmt ihn überallhin mit.
Den Schlüssel vergisst er oft.
Geld manchmal auch.
Den Brief nie.
„Falls ich ihn brauche“, sagt er.
Neuerdings darf ich den Brief tragen.
In meiner Jackentasche.
Vielleicht ist Geld darin.
Genug für ein Haus.
Ein paar Esel.
Eine Reise in die Antarktis.
Vielleicht ein Name.
Vielleicht steht dort, dass ich eigentlich jemand anderes bin.
Irgendwann hält der Umschlag nicht mehr.
Mein Vater holt einen neuen.
Er zieht den gefalteten Zettel aus dem alten Umschlag.
Blaue Tinte zwischen Falten.
„Jetzt könntest du lesen.“
Er liest nicht.
Er schiebt den Zettel in den neuen Umschlag und klebt diesen sorgfältig zu.
Dann nimmt er einen Stift.
„Schreibst du ihn selber an?“
„Sonst weiss niemand, für wen er ist.“
Er schreibt seinen Namen auf die Vorderseite.
Den alten Umschlag wirft er weg.
Jahre später habe ich ein Haus.
Wir wohnen zu dritt darin.
Ich war in Island.
Im Garten iaht ein Esel.
Der Brief ist noch da.
Meine Fragen sind ernster.
Wann hat mein Vater ihn bekommen?
Vor meiner Geburt?
Von wem?
Welche Handschrift trug der alte Umschlag?
Ich beginne, Fotografien anders anzusehen.
Den Mann neben dem Auto.
Die Frau mit dem Arm um Vaters Schulter.
Die Person am Bildrand, von der nur eine Hand zu sehen ist.
Manchmal glaube ich, die Antwort gefunden zu haben.
Dann finde ich eine bessere.
Als mein Vater ins Krankenhaus kommt, packe ich seine Sachen.
Blaues Nachthemd.
Lieblingszahnpasta.
Zebrasocken.
Das Buch, in dem das Lesezeichen seit Wochen feststeckt.
Ich bin fast fertig, als er fragt:
„Hast du ihn?“
Zwei Tage später bittet er mich darum.
Ich gebe ihm den Brief.
„Heute?“
Er streicht über seinen Namen.
Dann nickt er.
Seine Finger schaffen es nicht.
„Hilfst du mir?“
Ich öffne den Umschlag.
Noch nie ist er mir so leicht vorgekommen.
Ich ziehe den gefalteten Zettel heraus.
Blaue Tinte.
Mehr sehe ich nicht.
Ich reiche ihn meinem Vater.
Er faltet ihn auf.
Liest.
Seine Augen springen zurück.
Eine Zeile.
Vielleicht zwei.
Er liest sie noch einmal.
Und noch einmal.
Für einen Moment hält er den Atem an.
Erleichterung?
Enttäuschung?
Reue?
Ich beobachte sein Gesicht.
Ein Zucken der Unterlippe.
Eine Falte zwischen den Augen, die sich glättet.
Für einen Augenblick denke ich, er müsse lachen.
Dann, er würde weinen.
Er tut nichts von alledem.
Er liest den Brief bis zum Schluss.
Sein Blick verweilt lange auf der letzten Zeile.
Dann lässt er das Blatt sinken und sieht mich an.
Ich warte.
Schliesslich sagt er meinen Namen.
Nichts weiter.
„Was steht drin?“
Er antwortet nicht.
Später öffnet er noch einmal kurz die Augen.
Ich frage nichts mehr.
Auf dem Gang lacht jemand.
Stimmen.
Eine Tür fällt ins Schloss.
Dann ist es wieder still.
Ich sitze neben ihm.
Seine Finger sind leicht gebogen.
Als hielten sie einen Stift.
Daneben der Brief.
Ich denke daran, wie er meinen Namen ausgesprochen hat.
An den Liebesbrief.
Die Entschuldigung.
Das Geld.
Den Arzt.
Und an das, was im Brief wohl steht.
Er liegt da.
Offen.
Ich müsste nur aufstehen.
Von meinem Platz aus kann ich die Schrift nicht lesen.