Ein ganz normaler Morgen

Dröhnendes Scheppern zerrt mich aus dem Tiefschlaf.
Schon wieder aufstehen?

Meine Augenlider hängen klebrig in der trockenen Luft.
Die Nacht war viel zu kurz.

Ab eunter die warme Dusche.

Wohlig plätschert das Wasser an meinem Körper hinunter.
Das ganze Badezimmer dampft.

29 Minuten.
Wie viel Energie braucht das?

Egal. Ich.

Es eilt. Zu lange habe ich die rieselnde Wärme genossen.
Doch das Haar hängt in tropfenden Strähnen.

Rasch – ein Griff zum Föhn.

Ein Etikett klebt am türkisblauen Plastikgriff.

1800 Watt.
Ist das viel?

Egal. Ich.

Ich werfe mir die flauschige Winterjacke über.

65 % Polyester.
35 % Baumwolle.
Hergestellt in Bangladesch.

Egal.

Ich drücke nervös den Knopf.

Endlich. Die Türe öffnet sich
und schliesst sich wieder hinter meinem Rücken.

Ein Ruck – und hinunter geht’s.
7., 6., 5., 4. Stock.
Ein dicklicher Mann steigt zu.
Beeil dich, du Fettsack, ich hab’s pressant.
3., 2., 1. Stock.
Mist. Zu Fuss wäre ich schneller gewesen.
Parterre. Untergeschoss. Geschafft.

Ein schabendes Geräusch hinter mir.
Der Aufzug ist schon wieder unterwegs nach oben.
Wie viel Energie wohl acht Stockwerke fressen?

Egal. Ich.

Ein silbernes Auto.
Fünf Sitzplätze.

Ich lasse mich in den Vordersitz fallen
und drehe den Schlüssel.

Der Motor springt nur unwillig an.
Kein Wunder bei dieser Kälte.

Es geht langsam voran.
Schneematsch.
Vor mir schleicht einer.

Bevor ich um die Ecke biege, werfe ich
einen flüchtigen Blick hinauf zur Wohnung.
Die Fenster leuchten hell.

Egal. Ich.

Die Strassenbahn donnert gleichgültig vorbei.

Es wären fünf Stationen zum Arbeitsplatz.
Oder ein erfrischender Morgenspaziergang.

Gib Gas, du Hasenarsch!

Egal. Ich.

Vor der Arbeit
schaue ich noch rasch im türkischen Lebensmittelladen vorbei.

Die Gestelle überquellen mit duftendem Obst.

Ich ramsche meinen ganzen Korb voll.

Avocados.
Mangos.
Datteln.

Wie sind diese Früchte hierhergekommen?

Egal. Ich.

Als ich wieder hinaus auf die Strasse trete,
versperrt mir ein eingemummelter Herr den Weg.
Seine Finger zittern.

Er reicht mir ein durchnässtes Blatt.
Eine Petition.
Irgendetwas mit fairem Handel.

Ich kritzle meinen Namen in die Zeile.
Schaden kann es nicht.

Dem jungen Herrn klopfe ich auf die Schulter.
Meine ich das nur,
oder lese ich in seinen Augen leisen Tadel?

Egal. Ich.

Ich rette mich ins Büro.

Der Tisch ist überhäuft.
Leere Kartons.
Besudeltes Papier.  

Ich knülle alles zusammen.
Abfallsack.

Egal. Ich.

Ich arbeite.
Ein Fall nach dem anderen.
Versicherungsberatung.
Alles wie immer.

Ich habe mir den Wagen verdient.
Die Ferien auf den Malediven auch.

Egal.

Ich?

Denke ich wirklich an mich?

Der Text basiert auf einer frühen Fassung, die 2005 in der Jugendzeitung BLättli – Jugendzeitung für Politik und Kultur, dem offiziellen Info-Organ des Jugendrats Baselland, erschienen ist. Die vorliegende Fassung wurde grundlegend überarbeitet.