Eigentlich wollte ich nur etwas über das Gentech-Schwein lesen. Genauer gesagt über Schweine, deren Organe eines Tages Menschenleben retten könnten.
Doch das Schwein hatte andere Pläne.
Während ich las, wurde mir nämlich bewusst, dass ich mir noch nie ernsthaft Gedanken zu meinem letzten Willen gemacht hatte. Zu meinem Tod schon, aber kaum zu dem, was danach mit meinem Körper geschehen soll.
Also tat ich etwas, das ich schon seit Jahren hätte tun können: Ich beschloss, nach meinem Tod möglichst viele Organe zu spenden. Ich bestellte eine Organspendekarte und machte mich schlau, wie das mit der Patientenverfügung genau läuft.
Es war mein 46. Geburtstag. Ich stand noch im vollen Saft und hätte mir keine bessere Beschäftigung ausdenken können.
Ich war auch recht zufrieden mit meinem Fortschritt – dafür, dass der Tag gerade erst begonnen hatte.
Viele Entscheidungen fielen mir leicht:
Mein Herz?
Sehr gern. Vielleicht verliebt es sich noch einmal.
Meine Hornhaut?
Vielleicht sieht jemand damit zum ersten Mal Polarlichter.
Meine Lunge?
Vielleicht schafft sie doch noch den Kilimandscharo.
Was ist mit Forschung?
Natürlich. Wenn mein Körper nach meinem Tod noch helfen kann, warum nicht?
Doch dann blieb eine Frage übrig, die mich den ganzen Tag nicht mehr loslassen wollte:
Was ist mit dem ganzen Rest?
Ich meine den Teil, der weder Herz noch Lunge noch Hornhaut ist.
Alles, was medizinisch nicht mehr verwendet werden kann.
Mein erster Gedanke war:
Diesen Rest könnte doch der Zoo bekommen.
Für hungrige Löwen. Kreislauf des Lebens.
Oder man macht daraus Futter für meine Katzen.
Noch mehr Gefallen fand ich an meinem nächsten Gedanken:
Menschliches Fett ist chemisch gesehen ein vielseitiger Rohstoff.
Seife.
Schmierstoffe.
Vielleicht könnte eines Tages irgendwo ein Fahrrad rollen – geschmiert mit einem winzigen Rest von mir.
Mein letzter Beitrag zur Mobilität: «Dieser Velokettenschmierstoff enthält 0,0000001 Prozent Helen Ilay.»
Natürlich wäre das heute undenkbar.
Menschenwürde.
Und genau dort begann ich mich zu wundern.
Es scheint für uns selbstverständlich, dass das Herz eines Menschen in einem anderen Körper weiterschlägt. Warum darf man nach dem Tod aber keine Seife werden? Auch wenn ich mir das wünschte?
Der Gedanke, eines Tages eine Seife zu sein, faszinierte mich. Es ging mir nicht nur darum, dass mein Körper nicht verschwendet wird. Mit Seife verbinde ich Sauberkeit. Gesundheit. Sanften Wellness-Schaum. Rosenduft. Ehrlich gesagt: Ich hätte nichts dagegen, wenn genau das einmal meine letzten Assoziationen wären.
Warum also diese Grenze?
Liegt sie in der Biologie?
In der Religion?
In unserem Gefühl?
Oder einfach in einer Kultur, die sich daran gewöhnt hat?
Wobei mit «Verbot» wohl zu viel gesagt ist. Mein Wunsch dürfte vielmehr an Begriffen wie Störung des Totenfriedens scheitern.
Eine Auseinandersetzung mit der genauen Gesetzeslage wäre spannend. Aber vielleicht ein andermal.
Je länger ich über dem Artikel sass und nachdachte, desto mehr entfernte ich mich vom Gentech-Schwein. Denn Organschweine erzählen viel über uns Menschen.
Wir verändern Tiere genetisch, damit sie eines Tages Menschenleben retten können. Jedes Jahr sterben Menschen, die vergeblich auf ein Organ warten. Dabei scheitert eine Organspende nicht immer am fehlenden Willen. Manchmal ist dieser Wille schlicht nicht bekannt, weil er nie festgehalten wurde. Und wie es so ist: Im Zweifelsfall sagen Angehörige eher «nein».
Die Frage nach der Würde führte mich aber auch wieder zurück zum Schwein. Denn diese endet nicht beim Menschen. Beim Schwein stellen sich die gleichen grossen Fragen. Zum Beispiel diejenige nach dem Rest.
Welche Antworten werden wir beim Schwein darauf geben?
Schweinewürde?
Wobei ich mich ehrlich frage, was der Schweinewürde eher gerecht wird:
Ein Schwein, das für den Menschen lebt und stirbt – dessen Körper danach aber möglichst vollständig genutzt wird.
Oder eines, bei dem wir nur das entnehmen, was wir gerade brauchen und den Rest entsorgen.
Ich hätte noch lange recherchieren können:
Über mögliche Lebensbedingungen der Gentech-Schweine. Keimfreiheit. Hygieneschleusen. Kontrolle. Und darüber, was Schweinewürde im Leben und nach dem Tod bedeutet.
Stattdessen beendete ich den Tag mit einem letzten Geburtstagswunsch:
«Setzen wir uns dafür ein, dass mehr Menschen ihren Willen festhalten.
Dann brauchen wir vielleicht gar keine Organschweine.
Falls wir sie trotzdem brauchen: Sorgen wir dafür, dass sie ein gutes Leben haben und dass möglichst nichts verschwendet wird.
Die Schweine sollen das beste Schweineleben der Welt führen dürfen.
Mit Platz.
Mit Ruhe.
Und mit Respekt.
Das wäre das Mindeste.»
Diesen Wunsch steckte ich in ein Couvert, adressiert an Bundesrat Albert Rösti.
Schliesslich gehören manche Fragen nicht nur ins Bundeshaus. Sie gehören an jeden Küchentisch. Ich hoffe, Albert Rösti sieht das genauso.
Weiterführende Links:
Organspende-Karte und Broschüre | Organspende regeln
Patientenverfügung – Bestellformular | FMH
Eine Petition fordert Bundesrat Albert Rösti auf, die Zulassung gentechnisch veränderter Organschweine vorerst nicht weiterzuverfolgen. Den offenen Brief finden Sie hier:
Offener Brief an Bundesrat Albert Rösti