Füttere es.

Heute leuchten die zwei kleinen Lämpchen nicht. Normalerweise siehst du sie schon von der Kellertreppe aus. Zwei glühende Punkte über dem tiefgekühlten Fleisch. Wie ein Augenpaar, das im Dunkeln auf dich lauert.
Heute ist da nichts. Offenbar hat die Tiefkühltruhe den Geist aufgegeben.

Du knipst das Licht an. Die Tiefkühltruhe ist verschwunden. An ihrer Stelle liegt ein Gerippe unter der alten Militärwolldecke. In einer Augenhöhle krabbelt eine Spinne. Feine Fingerknochen umklammern die Decke, die seit Jahren im Keller verstaubt. Das Gerippe hat sie bis zu den Halswirbeln hochgezogen.

Du fragst dich, wo das Fleisch geblieben ist. Dann, ob das Gerippe noch lebt. Fast empfindest du Mitleid. Obwohl du Hunger hast. Und einiges dafür spricht, dass es mit dem Verschwinden des Fleischs zu tun hat.

Da bewegt sich ein Finger.
Füttere es.

Im Badezimmer findest du eine grosse Pipette. Du träufelst dem Gerippe Fleischbouillon zwischen die Zähne. Mit der linken Hand hältst du den Schädel zusammen, damit der Unterkiefer nicht runterfällt.

Am nächsten Morgen erwachst du früh.
Geh in den Keller. Füttere es.

Das Gerippe macht sichtbare Fortschritte. Diesmal kann es den Kiefer selbst auf- und zuklappen. Tags darauf greift es bereits nach der Pipette.
Es macht das verreckt gut, findest du nicht auch? Das musst du im Tagebuch festhalten.

Tag 16: Das Gerippe hat jetzt einen Namen. Es heisst Egon.
Tag 25: Egon hebt beide Arme.
Tag 39: Egon dreht den Schädel.
Tag 47, Sonntag: Pause.

Räum den Keller auf.
Bündle das Altpapier.
Bezahl deine Rechnungen.
Buche endlich Honolulu.
Freu dich.
Füttere es weiter.

Du fütterst Egon jeden Tag. Wochen. Monate. Manchmal knurrt dein Magen. Tag 54 ist ein besonderer Moment. Dein Egon zeigt Zähne. Du deutest das als Freude.
Geh morgen wieder in den Keller. Sag es niemandem.

Irgendwann auf Seite 96 merkst du, dass du Egon fast den ganzen Winter durchgefüttert hast.

An diesem Abend glühen wieder zwei kleine Lichter im Keller. Du traust deinen Augen nicht. Du steigst hinunter. Vor dir steht nicht die Tiefkühltruhe, sondern Egon. Haut und Knochen. Er trägt schwere Stiefel. Seine Augen glühen. Sonst nichts Besonderes.

Du fragst dich, ob du lieber die Tiefkühltruhe vor dir stehen hättest. Und ob es gerade um Leben geht. Oder Tod. Fünfzig Prozent. Oder beides. Dreiunddreissig. Egon nimmt die Sense zur Hand, die plötzlich im Keller steht. Wozu könntest du die Sense brauchen? Du hast ja nicht mal Gras. Dann macht Egon einen schnellen Schritt auf dich zu. Also doch Tod. Hundert Prozent.

Du rennst die Kellertreppe hoch. Aus dem Haus, über die Strasse, in den Wald. Hinter dir schlagen schwere Stiefel auf Asphalt und Kies. Bei der Gabelung nimmst du den linken Weg und kommst in eine Höhle. Sackgasse. Ebenfalls hundert Prozent.

Weiter hinten rauscht Wasser. Hinter einem Felsvorsprung entdeckst du deine Tiefkühltruhe. Die beiden Lämpchen leuchten.
Reminder für Tag 96: Egons Augen können genauso glühen.

Du öffnest die Truhe. Dein Fleisch ist da. Jetzt fehlt nur noch die Küche. Dein Magen knurrt. Du setzt dich.

Bald kommen die Stiefel. Immer näher.
Du musst rennen.
Los. Renn.

Du bleibst sitzen wie ein Häufchen tiefgekühltes Fleisch ohne Skelett. Du fragst dich, welche Vor- und Nachteile Rennen für dich hat. Vielleicht will Egon dich füttern. Dann wärt ihr quitt.
Noch ein Eintrag für später: Egon hat Gefühle.

Oder aber er will dich fressen.
Tiefgekühltes Fleisch ist da. Frisches auch. Fünfzig zu fünfzig.

Doch jetzt tu endlich was.
Du musst raus hier.
Geh rechts. Nein links.
Und dann?
Verstecken.
Nein. Füttern.
Wen?

Für Tag 96: Es wird kompliziert.

Jetzt sind die Stiefel da. Sie stehen direkt neben dir. Und du sitzt immer noch. Kalter Atem streift deine Schulter.
Egon?
Nichts.
Natürlich. Egon reagiert noch nicht auf seinen Namen. Steht im Tagebuch.

Dann werden deine Beine schwer. Deine Füsse noch schwerer. Du kannst sie kaum heben.
Als du runterschaust, bemerkst du, dass du Stiefel trägst. Egons Stiefel.
43. Eine Nummer zu gross.
Du fragst dich, wie sie an deine Füsse gekommen sind. Und dann, ob sie wasserdicht sind.

Währenddessen isst du einen Schokoriegel aus deinem Koffer.
Noch einen.
Und noch einen.
Er ist voll davon.

Schluss jetzt. Irgendwann muss das ein Ende nehmen.
Füttere es weiter.

Du stehst auf. Machst einen Schritt.
Kehr um.
Dann den zweiten. Dritten.
Zurück.

Der Fels unter deiner Hand ist kalt und feucht. Weiter. Schritt für Schritt.

In deinen Stiefeln steht Wasser. Offenbar sind sie nicht wasserdicht. Irgendwann treibst du. Die Strömung nimmt dich mit.
Vielleicht kommt noch ein Wasserfall. Fünfzig zu fünfzig.

Eine Welle wirft dich ins Licht.

Eine Weile wartest du auf einen Befehl.
Nichts.
Dann ganz leise: Füttere es.
Egon?
Tag 96: 4 Minuten Stille.

Du könntest aufstehen. Doch du legst dich ins Gras.
Die Sense schneidet dir den Kopf nicht ab.
Du darfst das.

→ Kein böses Blut