Genau 56 Stufen sind es zu meinem Keller. Auch heute. Unten steht vor mir die Bahnhofapotheke.
Eigentlich hatte ich einen anderen dringlichen Plan. Ich wollte einen Sack Katzenfutter holen. Die Apotheke ist mir aber auch recht.
Ein Arzt kommt und fragt, was ich wünsche. Ich überlege. Drei realistische Wünsche müssen reichen.
Den Rest schaffe ich selbst.
Scharfe Augen.
Kein böses Blut.
Eine doppelte Portion Saft in den Knochen.
Der Mann verschwindet im Hinterraum. Ich höre, wie er mit Frau Holle redet. Dann kommt er zurück und reicht mir ein Fläschchen mit giftgrüner Flüssigkeit. «Trink oder lass es.»
Menthe-Sirup hätte ich auch im Coop kaufen können, denke ich. Doch geschenkt ist geschenkt. Ich kippe den Saft mit einem Mal runter. «Danke», sage ich noch. Zu wem eigentlich? Der Arzt ist nicht mehr da. Vor mir sitzt meine Katze und will Futter.
Da beginnt es aus meinem Mund zu sprudeln. Vor meinen Füssen bildet sich eine Lache. Rot. Böses Blut, stelle ich fest.
Ekel kommt hoch.
Ärger.
Missgunst.
Irgendwann kommt der Verdacht, der Arzt hat mich vergiftet.
Ich stelle mir vor, wie ich mich räche. Wie ich ihm genüsslich die Haut abziehe und zusehe, wie er sich am Boden windet.
Mordlust. Schadenfreude.
Nein.
Das darf ich nicht.
Das Blut schlängelt sich über den Kellerboden und drückt durch die Kellertür ins Freie. Aus dem Rinnsal wird ein Bach, aus dem Bach ein Fluss. Weiter unten sammelt sich alles zum See.
Gekränkter Stolz.
Hass.
Intoleranz.
Falsche Bescheidenheit.
Alles raus.
Bachab.
Endlich hört das Sprudeln auf. Ich schaue auf das Blutbad, das ich angerichtet habe.
Irgendwo muss das böse Blut ja deponiert werden, sage ich mir.
Der Arzt ist rehabilitiert.
Mein letzter Verdacht fliesst dahin. Bis zum See. Dort badet inzwischen jemand.
Ich schaue zu.
Darf ich?
Mein Blut schwappt gegen zwei Fussknöchel, umspült kantige Knie.
Nach einer Weile kenne ich dich gut genug für ein Du.
Du schöpfst mein böses Blut aus dem See und lässt es an dir hinunterlaufen. Dann tauchst du ein. Wirbel für Wirbel.
Gefällt es dir?
Ich vermisse meine Begierde.
Kontrolle.
Ich frage mich, ob das Blut dich besser macht. Oder schlechter. Und ob du auch Saft in den Knochen brauchst.
Kurz: Offenbar hätte ich das böse Blut genauso gut behalten können.
Ich stelle mir vor, eines Nachts steht die Bahnhofapotheke wieder in meinem Keller.
«Guten Abend, drei Wünsche reichen doch nicht. Ich hätte gern mein böses Blut zurück. Ein Fläschchen Erdbeersirup passt.»
Dann häute ich den Arzt. Stelle mich hinter die Theke und verkaufe Sirup. Grün oder Rot. Ein Fläschchen pro Nacht. 365 im Jahr. Tausend Franken das Stück. Mindestens.
Natürlich mache ich das nicht. Ich mache nur einen Eintrag ins Tagebuch.
Tag 1001: Böses Blut nicht wegkurieren. Vor Gebrauch gut schütteln.
Ich schaue zum See. Du bist nicht mehr dort.
Kommst du wieder?
Etwas plätschert.
Trink oder lass es.
Leg dich hin. Mach die Augen zu.
Ich verliere den Kopf. Er rollt ins Kissen.
Jemand liegt neben mir.
Bist du es?
Meine Hand wandert hinüber. Erst zum Schädel. Dann nach unten. Rippe für Rippe.
Die Katze sitzt vor dem Bett und schnurrt. Zu ihren Füssen ist eine kleine Blutlache. In ihrem Magen sehe ich die Reste.
Mausetot.
Morgen gebe ich ihr Futter.
